Religion

Das „Problem“ mit der Religionsdarstellung

Wir als Ulfinger haben uns der lebensnahen Darstellung der Völkerwanderung verschrieben. Dazu gehört das richtige Aussehen, die richtigen Waffen, aber auch neben dem materiellen das geistige, kulturelle und politische Leben der Stämme zwischen 213 und 550. Wir wissen, dass viele Kollegen und Fachleute mit einer Darstellung besonders religiöser Szenen Probleme haben – und wir haben auch Verständnis dafür.

Aber durch unser Handeln wollen wir Vorurteile abbauen und zeigen, dass man bestimmte gewagte Themen gewissenhaft und so authentisch wie möglich darstellen kann.

 

Zunächst das Problem der Kultur-und Religionsdarstellung: Die Reenactment-Bewegung ist ein bunter Haufen mit Menschen, die aus verschiedensten Gründen dieses Hobby betreiben. Da gibt es manche, die es sehr ernst und genau nehmen, und dagegen gibt es andere, die nur aus ihrem trostlosen Alltag fliehen wollen. Dazwischen gibt es alle Schattierungen. Dadurch nahm die Esotherik im Reenactment ihren Einzug. Dass viele Menschen ihr wirres- neuzeitliches- Religionsbild bei Veranstaltung als überliefert anpreisen, läßt die Skeptiker nur noch lauter mahnen. Dabei werden diese Verfehlungen nicht berechnend gemacht, sondern aus Leichtsinn, Naivität und Selbstüberschätzung.

 

Wenn man sich gewissenhaft über einen längeren Zeitraum mit der Kultur der germanischen Stämme zwischen Cäsar und den mittelalterlichen Sagas befasst, dann versteht man, daß man sich nicht mit einem oder zwei Büchern als Quelle begnügen kann. Andererseits ist es nach heutigem Stand des Wissens unmöglich, ein klares, unverfälschtes Bild der germanischen Religion der Völkerwanderung zu zeichnen. Es bedarf älterer und jüngerer Quellen und Funde; aber auch eines Quantums an hermeneutischem Denken. Und da fängt die Thematik an problematisch zu werden. Unsere Gruppe will ein lebendiges Bild jener Zeit zeigen, somit müssen wir hermeneutisch denken. Denn um ein Publikum zu begeistern und für die Thematik zu gewinnen, kann man nicht eine stark lückenhafte Darstellung mit dauernden Hinweisen auf die fehlenden Funde darbieten.

Was wir machen, ist einen Hinweis zu geben, daß unsere Kultur-und Religionsdarstellung so nah an den Quellen und Funde wie möglich ist, aber aus Gründen der Lückenhaftigkeit Material aus früherer und Jüngerer Zeit genommen wird, und manchmal sind wir gar gewillt nachvollziehbar und gewissenhaft Volksbrauchtum, welches Forscher auf altes Kulturgut zurückführen, in nicht stopfbare Lücken zu stecken.

 

Dabei benützen wir Primärquellen und Sekundärquellen. Den Kritikpunkten, man könne keine Tatsachen die bei Tacitus beschrieben sind einfach so auf das Jahr 379 projizieren, begegnen wir mit dem Hinweis, dass viele Verhaltensweisen und religiöse Handlungen über die Jahrhunderte immer wieder beschrieben sind- einerseits; anderseits, dass manche Bilder, die ein Tacitus zeichnet, 1000 Jahre später wieder bei den Nordgermanen erscheinen. Und wenn es im 1. Jahrhundert nach Christus bestimmte Dinge gab, warum sollten sie 1000 Jahre lang vergessen gewesen sein. Wir gehen einfach davon aus, dass es eine Kontinuität gibt. Da wir keine Wissenschaftler sind, sondern nur Geschichtsliebhaber, dürfen wir uns solch einen Leichtsinn erlauben.

 

Doch was sind nun unserer Quellen? Wer schrieb über die Kultur und Religion der germanischen Stämme? Was waren ihre Beweggründe?

Kritiker merken an, dass Chronisten oftmals politische oder religiöse Absichten hinter ihren Schriften versteckten und dass gerade Mönche, die germanische Kulte beschrieben, über kein Wissen dieser verfügten, sondern Archetypen aus der Bibel benützten. Mag sein oder auch nicht. Trotzdem bleiben diese Schriften unsere einzige, wertvollste Quelle neben den Funden, welche die Archäologie ausgräbt.

Es waren in der Frühzeit der Germanen ausschließlich Römer und Griechen die über diesen Stamm und seine Bräuche berichteten( z.B. Cäsar, Plinius, Tacitus, Cassius Dio ) Erst im Laufe der Völkerwanderung wird das Bild schärfer und die Chronisten haben tatsächlichen Kontakt zu den Barbaren (Prokop, Agathias, Ammianus Marcellinus etc.).

Mit der späten Völkerwanderung und der Merowingerzeit beginnen die Chronisten – meistens Christen – von innen zu berichten, da es sich um Bischöfe, Mönche, Beamte der Könige handelt (Gregor von Tours, Sidonius Apollinaris, Isidor von Sevilla). In dieser Zeit beginnen die Völker auch ihre eigene Geschichte zu schreiben – oft verfälscht aber trotzdem sehr wertvoll (Paulus Diakonus, Cassiodor, Widukind von Corvey etc.) Durch das Christentum kommt ein ganz anderer Quellentyp zum tragen: Die Bußbücher. Lebensnah und authentisch sind darin heidnische „Verfehlungen“ minutiös beschrieben.

Auch kann man Gesetzesbücher, althochdeutsche Lieder (Merseburger Zaubersprüche, Hildebrandslied, Muspilli, Straßburger Blutsegen usw.), die gotische Ulfila-Bibel, Kalender, Wörterbücher jener Zeit zu Rate nehmen und einiges heraus filtern. Später kommen die deutschen Chronisten welche über die Wikinger berichteten (Adam von Bremen), die nordischen Sagas und die Edda als wertvolle und reiche Quellen dazu, die man aber durch die zeitliche und geographische Entfernung mit Vorsicht verwenden sollte.

Alles in allem, wir wollen uns Mühe geben unserem Publikum gewissenhaft ein lebhaftes Bild der germanischen Kultur zu zeigen, welches nicht so gewesen ist , sondern so hätte sein können. Der Zuschauer soll einfach denken: Er sitzt in einem gut recherchierten Film. (TG)